Konzertreise nach St. Petersburg, Russland, 2006
09.06.06 - Russland wir kommen!
"Wir sind bestens gerüstet. Jetzt muss jeder mitziehen. Auf geht´s!" Der Chef hat gesprochen. Mit dem ersten Tor der deutschen Elf gegen Costa Rica befinden wir uns auf dem Weg nach Russland. FIFA sei Dank, die Straßen sind frei. Raus aus dem komfortablen Doppelstockbus, dessen Stauraum durch unser üppiges Gepäck völlig ausgelastet war, Check in auf der Superfast 9 von Rostock Richtung Hanko (Finnland). Eine Stunde später legt die Fähre ab.
Wohl wissend, dass uns eine abenteuerliche, anstrengende Woche und die weißen Nächte bevorstehen, entspannen wir uns auf dem äußerst komfortablen "Traumschiff" und genießen eine Nacht in den kleinen aber gemütlichen 4er Kabinen, die für zwei Schüler schon eine besondere Anziehungskraft haben, bevor wir den finnischen Boden betreten. Die Ruhe im Land der Seen und Wälder zeigt sich auf den Straßen, die mit Grenznähe allmählich vorbeigeht. ?Haltet eure Pässe mit dem Finger im Visum bereit!? - es heißt Schlange stehen an der Grenze. Aber wer hätte denn etwas anderes erwartet? Und trotz der Schlange strahlen zumindest die Zollbeamten Gelassenheit aus, getreu dem Motto: "In der Ruhe liegt die Kraft, Gott erschuf die Zeit - von Eile sprach er nicht." Nachdem mit Artjoms Hilfe bürokratische Hürden überwunden werden und wir den zuvor vergessenen Ausreisezettel ausgefüllt haben, der uns überhaupt die Rückreise nach Deutschland ermöglichen soll, lässt uns die russische Zollbeamtin tatsächlich passieren. Warten ist trotzdem noch angesagt, denn ohne Bus werden wir sicher nicht weit kommen.
11.06.06 - Irgendwo in Russland
Einen Blick aus dem Fenster verrät: Wir sind irgendwo in Russland, in einer ganz anderen Welt. Einfache Holzhäuser und alte Autos sind augenscheinlich, schlechte Straßenverhältnisse spürbar. Szenenwechsel: Wir kommen in Stadtnähe. Die Straßen bessern sich und Elena hat den wertvollen Tipp unserer Gastgeber. "Wir erwarten euch an der Straße und halten ein Schild mit der Aufschrift 56 in die Höhe." Wer könnte das denn mitten in St. Petersburg übersehen?
Sofort erfolgreich auf der Suche nach unseren Gastgebern fahren wir zum Gymnasium Nr. 56, wo uns eine der zahlreichen warmen Mahlzeiten erwartet. Die Schulküche sollte auch in den nächsten Tagen unentwegt unter Dampf stehen, denn wir werden mit mindestens drei Mahlzeiten täglich, davon zwei warme, verwöhnt. Dem Speiseplan steht unser tägliches Kulturpensum jedoch in nichts nach, wie wir später noch feststellten.
"Auf geht's ins Minihotel!" Als wir vor unserer einwöchigen Unterkunft ankommen, sind wir kurzzeitig erstaunt, ob wir hier richtig sind. Aber in Russland wurden auch schon Kirchen zu Schwimmbädern umfunktioniert. Allerdings muss man erwähnen, dass wir außerhalb der Innenstadt untergebracht sind. So haben wir den Vorzug, in einer echt russischen Umgebung zu wohnen, so dass wir den Unterschied zwischen der prunkvollen Stadt und dem Leben in den Außenbezirken am eigenen Leib erfahren können. Außerdem hat unser Minihotel verschiedene Zellblöcke bzw. Standards: A("acceptable") B("better than nothing") C ("can´t be used") D ("don´t touch"). Aber die Stimmung in der Gruppe ist prima, ob beim Fußball schauen oder beim Sammelaufenthalt in den Zellblöcken A und B.
12.06.06- Nationalfeiertag mit wunderschönem Sonnenschein
Neben der täglichen Fahrt zum Gymnasium mit schultypischen Aufstehzeiten beginnen wir den Tag mit leichter Kost: Hamburger, Gelee, süße Brötchen, Käse, Kaffee und Tee, dazu hervorragende Folkloretänze, Rammsteintheater, klassische und spanische Gitarrenklänge und "Ein Jäger aus Kurpfalz" werden uns von der Partnerschule geboten. Anschließend zeigen wir ein wenig von unserer Gesangskunst und stellen fest, dass bereits hier die "Moskauer Nächte" Begeisterung bei den Gastgebern auslösen. Beeindruckend ist auch die Ausstattung des Gymnasiums (Beamer pro Klassenraum, Internetpool, Bibliothek, PCs, Klassenräume etc.), das nicht umsonst den Preis für die beste Schule Russlands bekam. Zumindest scheint die Lehratmosphäre optimal zu sein.
Nach dem Mittagessen folgen am Nationalfeiertag Russlands eine Stadtrundfahrt und ein Stadtrundgang, wo wir die talentierten russischen Rekruten bei ihrem Programm Life-on- Stage auf der Wassilijewski-Insel erleben können. Tom Jones ist "in the (russian) army now". Dieser Tag artet zu einem wahren Fotoshooting aus, denn die fulminante Innenstadt bietet eine traumhafte Kulisse. Den krönenden Abschluss bildet am Abend ein Besuch der Isaaks-Kathedrale mit Besteigung des Turmes, auf dem wir russische Lieder schmettern und die wunderschöne Aussicht auf Sankt Petersburg genießen können.
13.06.06 - Kulturpensum en masse und eine Menge Sonnenschein
Neben dem obligatorischen Aufstehen, Turbostimmbildung, Proben und Essen, ständigem Busfahren aufgrund der weiten Anfahrtswege von Behausung, Verpflegungsstelle und Innenstadt wird dieser Tag genauso wie die Mahlzeiten sättigend. Zunächst kommen wir alle in den Genuss der Eremitage mit ausgiebiger Führung und geraffter Übersetzung, wobei einige von schon jetzt von der Müdigkeit gezeichnet sind. Keiner ahnt jedoch, dass nach dem Mittagessen noch die Peter-und-Paul-Festung und der Alexander Park auf uns warten.
Wo bleibt da noch Raum für etwas Freizeit? Aber nein, wir haben ja einen Kulturauftrag. Wir sind tapfer und fahren auch in den nächsten Abenden immer wieder sehr spät ins Hotel zurück. Aber deshalb ist niemand wirklich traurig - außer wenn vom besten Innenausstattungsstück ein Weltmeisterschaftspiel mit deutscher Beteiligung zu sehen ist.
14.06.06 - Bewährungsprobe beim ersten Konzert
Wieder ist der Tag mit kulturellen Highlights gespickt. Zunächst die Petrikirche, dann der Turbospaziergang durch den Newskij-Prospekt (die Hauptstraße Petersburgs) in Gruppen, wo einem schon mal das Herzrasen kommen kann, wenn man eben noch vollzählig war und nun plötzlich jemand fehlt. Aber wunderbar, wir sind ein großes Team, wo immer mindestens zwei das Kommando und die Übersicht haben. Schon wieder ist Turboessen angesagt, denn die Kasaner Kathedrale soll noch kurz besichtigt werden, bevor wir unseren musikalischen Auftrag beginnen.
Kurze Probe und los geht´s: Erst der russische Mädchen-, dann der Knabenchor und danach wir. Hoch konzentriert liefern wir eine sehr gute Leistung ab. Leider ist das Konzert nicht so gut besucht, wie man es von den Heimspielen in Hersfeld kennt, aber St. Petersburg ist ja eine verdammt große Stadt mit unzähligen kulturellen Highlights. Macht nichts. Die Leistung stimmte, und in der vorletzten Reihe zeigten sich bei einigen Besuchern sogar Tränen bei den "Moskauer Nächten" und beim gemeinsamen Schlussstück mit dem russischen Knabenchor. Zufrieden gehen wir essen und feiern nach zahlreichen Spekulationen den nächsten deutschen Sieg gegen Polen.
15.06.06 - Zweites Konzert im Haus der Offiziere
Der Donnerstag unserer Reise verläuft eher unspektakulär. Das heißt aber nicht, dass wir wenig tun, sondern dass wir allmählich von den kulturellen Highlights müde werden. Um einen kurzen Eindruck von unserem Tagespensum zu bekommen, hilft ein Blick in den genau durchstrukturierten Ablaufplan, der dennoch kürzer als der der vergangenen Tage ist:
- 07.30 Abfahrt aus dem Hotel
- 08.00 Frühstück
- 08.45 Abfahrt nach Tsarskoje Selo (Stadt Puschkin)
- 10.30 Führung durch den Katharinenpalast und Rundgang durch den Park
- 12.30 Rückkehr ins Gymnasium
- 14.00 Mittagessen
- 15.00 Abfahrt ins Haus der Offiziere
- 16.00 Konzert im Haus der Offiziere
- 17.30 Abfahrt in den Sommergarten und dort Spaziergang
- 18.45 Rückkehr ins Gymnasium
- 19.00 Abendessen
- 20.00 Abfahrt ins Hotel
Kürzer heißt ja nicht unbedingt stressfreier. Denn wo ist die Freizeit auf dem Plan? Wozu? Wir können doch direkt neben dem Gymnasium einen kurzen Lebensmitteleinkauf tätigen, worauf sich das Wort "Freizeit" in diesem Fall ja im weitesten Sinne beschränkt. Wir schaffen es auch ohne Freizeit nicht, einen Zeitvorsprung für die Konzerte herauszuholen, denn ständig ist Stau in der Hauptverkehrszeit. Da aber das Umziehen im Bus eine lange Chortradition ist, erreichen wir immer zum rechten Zeitpunkt und ordentlich gestylt unser Ziel. Das Konzert hat wieder ein lachendes und ein weinendes Auge: Wir kommen neben dem russischen Knabenchor, der Rhythmusgruppe und dem Mädchenchor sehr gut an und rühren die russischen Damen aus dem Publikum zu Tränen. Schade nur, dass nicht mehr Zuhörer gekommen sind.
16.06.06 - Ein Auftritt der besonderen Art
Der Abschlusstag wird der stressigste überhaupt: Na gut, so kurz vor der Abfahrt möchten wir noch soviel wie möglich von St. Petersburg mitnehmen und vor allem die weiße Nächte erleben. Doch der Tag beginnt zunächst mit einem schweißtreibenden Turbospaziergang durch den Park des Schlosses Peterhof. Gott sei Dank wird gegen die Hitze ein Meißsches Patentrezept eingebaut: Wir bekommen eine kalte Dusche. Diese glorreiche Idee ist nicht nur für diesen heißen Tag vorgesehen sondern unser Führungsmitglied gab somit fast allen die Möglichkeit, endlich mal duschen zu können ohne anstehen und Gefahren abwägen zu müssen. Aber zwischen dem Turbospaziergang und der kalten Dusche liegt noch ein Auftritt der besonderen Art. Spontan und anscheinend beeindruckend lassen wir deutsche, englische und russische Musik im Peterhof erklingen, denn eine ältere russische Dame bedankt sich überschwänglich mit "Spasiba, spasiba" bei uns. Ein schönes Gefühl!
Doch das eigentliche Konzert findet erst anschließend in den Höfen der Kapelle mitten in Petersburg statt. Die Besucherzahl ist wesentlicher höher, schließlich singen vor uns einige russische Solisten. Und auch diesmal lösen wir wieder Begeisterungsstürme aus.
Nach dem Abendessen geht der Tag mit einer Schiffsfahrt auf den zahlreichen Kanälen weiter. Irgendwie kehren wir schließlich in ein komisches Lokal ein, wo einige von uns trotz Vorausbezahlung auch nach zwei Stunden noch auf ihr Getränk warten. Gegen 1 Uhr nachts staunen wir die berühmten Nevabrücken an, die langsam geöffnet werden, ohne zu wissen, was das für uns bedeuten sollte. Denn da sind sie, die drei Problemchen: Brücken oben, unser Bus am anderen Ufer und das ablaufende Visum vor Augen. Wir müssen also auch ohne Bus schleunigst zum Hotel zurück und entscheiden uns spontan für Taxis. Just in time, nur dass die russische Ausstattung der Taxis nicht ganz der deutschen entspricht. Aber perfekt geplant, denn die letzten von uns fahren schließlich um 5.15 Uhr ins Hotel zurück - und um 5.30 Uhr ist ja erst die geplante Abfahrt Richtung Finnland. Gott sei Dank haben einige der früher angekommenen bereits für die Verspäteten gepackt"
Nach diesen überwundenen Klippen genießen wir ein letztes Mal die Fähre mit Fußballweltmeisterschaftsspielen und einem fantastischen Frühstücksbuffet.
Natürlich sind wir froh wieder zuhause zu sein, aber trotz aller Strapazen hat es viel Spaß gemacht. Es ist eine beeindruckende Stadt und eine unglaubliche Erfahrung, und dank unseren Dolmetschern Artjom, Elena und Helene sind wir prima zurecht gekommen. Ullis Fazit geht noch in eine andere Richtung: "Es ist schon etwas Besonderes, wenn alte Menschen, die deutsche Besatzung miterlebt haben, in Tränen ausbrechen und einem deutschen Chor danken. Wir haben etwas bewegt." Damit hat er vollkommen recht, aber auch die gute Chorgemeinschaft und der Zusammenhalt waren beeindruckend - eben ein echtes Team. Wer hat denn da abgekuckt? Entweder Klinsmann bei Ulli oder Ulli bei Klinsmann. Danke für diese Reise!
Bericht: Bianca Hüttner
Fotos: Dirk v. Sierakowsky
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